Reaktion auf die Stellungnahme der Frontal 21 - Redaktion zu meinem Artikel über den Beitrag „Schulsterben- in Deutschland – Bildungsrepublik ohne Bildung“

Die Frontal 21-Redaktion hat auf meinen Artikel  reagiert und eine Stellungnahme hierzu veröffentlicht. Ich begrüße es sehr, dass sich die Redaktion die Mühe gemacht hat, auf einige Teile meiner Kritik einzugehen. 

Mir, primär einem Ingenieur der Stadtplanung und lediglich privat einem Blogger,  sind die Quellen der ZDF-Recherche nicht zugänglich, daher kann ich auf einige der in der Stellungnahme aufgeführten Details nicht eingehen. Natürlich würde mich über die Veröffentlichung der entsprechenden Dokumente im Sinne einer transparenten und nachvollziehbaren Berichterstattung freuen. Nun lediglich auf die Untersuchungsergebnisse der Elterninitiative (an deren Korrektheit ich zu keinem Zeitpunkt Kritik geübt habe, da die Existenz dieses Gegengutachtens im Beitrag überhaupt nicht zur Sprache kam) zu verweisen - und die eigene Untersuchung vorzuenthalten, halte ich für unzureichend. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass das ZDF das PDF der Bürgerinitiative ohne weitere Erläuterung und Einordnung auf dem eigenen Server hostet.

Die Dramaturgie und inhaltliche Kritik des Beitrages wird durch die Stellungnahme nachvollziehbarer bzw. überhaupt erst ersichtlich - viele der in der Stellungnahme genannten Details wären auch im Beitrag selbst wünschenswert gewesen. Ich werde in den kommenden Tagen die vom ZDF kritisierten Passagen meines Artikels kritisch überprüfen und ggf. nach und nach anpassen. Aus Gründen der Transparenz wird ein PDF des ursprünglichen Artikels weiterhin auf meiner Seite verfügbar bleiben.

Die Stellungnahme lässt jedoch das zentrale Element meiner Kritik an dem Beitrag leider weitestgehend offen: Die grundsätzliche Auswahl und Einleitung der Akteure, die in dem Film zu Wort kommen. Deren teilweise Nähe zur Bürgerinitiative wurde im Beitrag nicht bzw. nicht ausreichend dargestellt. 

Im Prinzip ist das Vorgehen, ein Gutachten zu überpüfen, doch sehr einfach: Man lässt das Gutachten selbst von einem weiteren Gutachterbüro überprüfen, welches aus meiner Sicht (und ich bin hier sehr offen für andere Meinungen) mindestens folgende Kriterien erfüllen sollte:

A ) Neutralität
Keine Interessensverbindungen sowohl zur beauftragenden Stadt oder zu den Gegnern des kritisierten Gutachtens

B) Kompetenz
Gleiches oder sehr verwandtes Fachgebiet wie der ursprüngliche Gutachter und reichlich Erfahrung in der Anfertigung dieser Art von Gutachten

Zu A):
Herr Prof. Traub erfüllt als aktives Mitglied der Bürgerinitiative und Ehemann einer durch die geplanten Schulschließungen direkt betroffenen Lehrerin dieses Kriterium offenkundig nicht. Die Tatsache, dass Herr Prof. Hickel im Nachbarort wohnt, mag die Redaktion von Frontal 21 und auch er selbst unbedeutend finden. Ich tue dies nicht und habe selbst schon bei einem früheren Arbeitgeber die Mitarbeit an Projekten in meiner Heimatstadt abgelehnt, um mich als Ingenieur der Stadtplanung bzw. das Büro hinterher nicht genau diesen Vorwürfen aussetzen zu müssen.

Zu B)
Beide zu dem Gutachten befragte Wissenschaftler sind zweifelsohne in der Lage, potenziell im Gutachten von Biregio befindliche grobe Methodik- oder Rechenfehler zu entdecken. Diese Kompetenzen spreche ich beiden Wissenschaftlern nicht ab.
Bislang im Bereich der Anfertigung von Gutachten der Schulentwicklungsplanung tätig gewesen sind sie jedoch nicht (soweit mir bekannt bzw. aus der Stellungnahme von Frontal 21 hervorgehend).

Als Hinweis, dass nicht nur ich die Auswahl der Akteure für unglücklich halte, kann aus meiner Sicht auch auf die öffentliche Distanzierung des Bildungsexperten Klaus Klemm von dem Beitrag gelten, sowie die Tatsache, dass er sich beim ZDF über den Bericht beschwert und das klärende Gespräch mit der Firma Biregio gesucht hat.  Hierzu, sowie zu den von der Schwäbischen Zeitung genannten Vorwürfe zum Beitrag wäre eine weitere Stellungnahme seitens der Frontal 21 Redaktion wünschenswert.

An mehreren Stellen der Stellungnahme werden mir darüber hinaus Aussagen zugesprochen, die ich in meinem Artikel so niemals getätigt habe:

Zum Fallbeispiel Hagen: Frontal 21 unterstellt mir, die Tatsache, dass Herr Gronwald in der Nähe der betroffenen Hagener Schule wohnt, als Vorwurf dargestellt zu haben. Dies ist schlicht falsch - ich habe diese Tatsache explizit als Vorteil für seine Sachkunde dargestellt. Und es ist absurd zu behaupten, dass durch die Verbindung des vier Jahre alten Biregio-Gutachtens zur aktuellen Kritik an der Schulschließung im Beitrag nicht implizit die Qualität des ursprünglichen Gutachtens in Frage gestellt wurde. 

Zur Grundschule Damshagen: Ich habe in meinem Artikel entgegen der Behauptung von Frontal 21 nicht geschrieben, dass die Schule aufgrund ihres baulichen Zustands geschlossen wurde. Ich führte an, dass der Umstand, dass die Schule im Jahr ihrer Schließung wegen Schimmelbefall gesperrt wurde eine Information ist, die man den Zuschauern für eine objektive Meinungsbildung nicht hätte vorenthalten dürfen.

Zum Zusammenhang von Schulschließungen und ihrer Auswirkungen auf die Einwohnerentwicklung: Frontal 21 unterstellt mir, diesen Zusammenhang zu bestreiten. Ich habe in meinem Artikel ausgeführt, dass mir keine empirischen Studien zu diesem Thema bekannt sind, ich diesen Zusammenhang allerdings für sehr wahrscheinlich halte. Frontal 21 behauptet, dass es hierzu eine umfangreiche Diskussion in der Fachliteratur gibt, nennt aber keine einzige empirische Studie als Quelle. Die Redaktion benennt lediglich ein anekdotisches Beispiel aus dem Fernsehbeitrag.

 

Zuletzt noch eine weitere Anmerkung zur Stellungnahme an sich:  

Sie wird eingeleitet mit der empörten Feststellung der Redaktion, grundsätzlich keine Gefälligkeitsbeiträge zu produzieren. Diese von mir ganz bewusst als ironisch und in boulevardesker Manier als Stilmittel gestellte Suggestivfrage spiegelt die Schwere der Anschuldigung gegen das Gutachterbüro Biregio wider. Auch ich gehe davon aus, dass man beim ZDF keine Beiträge "kaufen" kann.

Einen Gutachter mit Gefälligkeitsgutachten in Verbindung zu bringen ist eine extreme, weil potenziell ruinierende Anschuldigung, die mit größter Sorgfalt im Beitrag selbst und nicht erst als Reaktion auf Kritik sehr detailliert zu belegen ist.

Das hat der Frontal 21-Beitrag meiner Ansicht nach unterlassen und wie ich finde die "Richtlinien für die Sendungen und Telemedienangebote des ZDF" (insbesondere Abschnitt III Absatz 4 und 6) missachtet.